Geschichte der Hypnose

Um etwa 400 v. Chr. etablierte sich im antiken Griechenland der Äskulapkult, eine an Religionsausübung gebundene Vollzugsform, bei der mittels des Tempelschlafes ein Kranker Heilung erfuhr. Die Praktiken des Tempelschlafes, der auch als Heilschlaf beschrieben wurde, beeinflussten die Medizin für viele Jahrhunderte. Beim Tempelschlaf wurde zwar nicht mit hypnotischen Methoden gearbeitet, jedoch ist dieser Zustand mit dem hypnotischen vergleichbar. Die Patienten wurden, bevor sie die Nacht im Schlafsaal des Tempels verbrachten, mittels reinigender Riten, Fasten und Waschungen auf den Tempelschlaf (Inkubation, enkoimesis) vorbereitet. Im Traum erschien ihnen der Gott, erkundigte sich nach ihrem Leiden und gab dann Hinweise auf die Heilung, die am folgenden Tag mit den Priestern und Ärzten besprochen wurde. Der Tempelschlaf kann als "Träumen unter kontrollierten Bedingungen" bezeichnet werden, aber es ist immer noch nicht klar, auf welche Weise die Priester praktisch solche Träume garantieren konnten. Der Vorgang geschah in einem religiösen Zusammenhang unter Aufsicht von Priestern, die wahrscheinlich auch über medizinische Kenntnisse verfügten.

 

Ähnliche Praktiken findet man auch heutzutage bei einigen Naturvölkern, unter anderem bei den australischen Aborigines, den Iban, einem Volk auf der Insel Borneo und in Indien. Die Praktiken sind ähnlich, meist wird mittels monotoner Reize der Priester oder Schamane in einen veränderten Bewusstseinszustand versetzt. Der Schamane "fährt in die Seele seines Patienten ein", um die bösen Kräfte oder Dämonen zu bändigen. Erst Ende des 18. Jahrhunderts begann, verbunden mit dem Namen F. A. Mesmer (1734-1815), sich die Hypnose von ihrem mystischen Hintergrund zu lösen.

 

Mesmer, ein aus Iznang am Bodensee stammender Arzt, stellte die Theorie des animalischen oder auch tierischen Magnetismus auf. Das Universum bestehe aus einem nicht sichtbaren Fluidum, das alles Lebende unablässig durchdringe. Krankheiten entstehen durch die ungleiche Verteilung dieses Fluidums im Körper. Mittels bestimmter Handbewegungen oder auch magnetischer Striche (Mesmerscher passés), sei es möglich, das fluidale Ungleichgewicht so zu verändern, dass der Kranke genesen könne. Der Zwischenschritt zur Heilung führte über eine Krise, in der der Patient starke Zuckungen und Anfälle erlebte. Mesmer behandelte mit seiner Methode sogar ganze Gruppen von Hilfesuchenden und gilt als der erste Gruppenpsychotherapeut. Zur Intensivierung spielte er häufig auf einem von Benjamin Franklin entwickelten Instrument, der Glasharmonika. Die moderne Hypnose hat ihren Ursprung in den Anwendungen des animalischen Magnetismus, dennoch unterscheiden sich beide in Theorie und Anwendung. Lediglich das Erscheinungsbild eines magnetisierten oder hypnotisierten Menschen wird als ähnlich beschrieben.

 

Marquis des Puysegur (1751-1825), ein Schüler Mesmers, steht für den Übergang vom animalischen Magnetismus zur Suggestionstheorie. Er magnetisierte nach der Doktrin seines Lehrers und suggerierte darüber hinaus dem Hilfesuchenden direkt sein Behandlungsziel, wie zum Beispiel Schmerzfreiheit. Der magnetische Zustand ist der direkte Vorläufer des hypnotischen, wie wir ihn heute beobachten können.

 

Nach Abbé Faria (1755-1819) ist für den hypnotischen Vorgang nicht so sehr der Hypnotiseur verantwortlich, sondern die aktive Mitarbeit des Hypnotisanden. Nach Faria beruhe Hypnose auf dem Prinzip der Konzentration auf ein von außen vorgegebenes Motiv, wie zum Beispiel ein menschliches Auge. Das Neue dieses Ansatzes besteht darin, dass die Verantwortung des hypnotischen Vorganges auf Seiten des Hypnotisanden liegt. Eine deutliche Tendenz zur Autosuggestion wird erkennbar. Faria gilt als der Wegbereiter der Doktrin der Suggestion.

Der englische Augenchirurg James Braid (1795-1860), der sich als einer der ersten in England mit dem magnetischen Schlaf beschäftigte, führte den Charakter des magnetischen Schlafes nicht auf fluidale Größen zurück, sondern auf autosuggestive Mechanismen. Braid prägte für die Konzentration auf von außen suggerierte Vorstellungsgehalte, die einen nervösen Schlaf zur Folge haben, den Begriff Hypnose, abgeleitet vom griechischen Wort hypnos, das soviel wie Schlaf bedeutet. Er leitete damit eine neue Ära medizinischer Forschung ein, in der das Phänomen der Hypnose psychophysiologisch erklärbar erschien. Unter dem Begriff Hypnotismus führte Braid als einer der ersten eine wissenschaftliche Untersuchungsmethode ein. Mittels der hypnotischen Methode der Blickfixation führte er zahlreiche Augenoperationen unter hypnotischer Anästhesie durch und förderte hierdurch einen Aufschwung dieser Vorgehensweise in England. In der Folge berichteten Elliotson (1843) und Esdaile (1847) über zahlreiche chirurgische Eingriffe mittels hypnotischer Anästhesie. Die postoperative Infektionsrate konnte bei diesen Eingriffen hochsignifikant reduziert werden. Durch den Einsatz von Äther und Chloroform als Narkotikum ging die Anwendung hypnotischer Anästhesiemethoden rapide zurück. Als therapeutische Behandlungsmethode jedoch fand die Hypnose weiter Einsatz.

 

In Frankreich entstanden Ende des 19. Jahrhunderts zwei Schulrichtungen, die das Phänomen der Hypnose vollkommen unterschiedlich erklärten. Die Schule der Salpêtrière, an der der Neurologe Charcot (1825-1893) federführend lehrte, sah in dem Phänomen der Hypnose einen pathologischen Zustand, den er mit hysterischer Überreizung des Nervensystems charakterisierte.

Im Gegensatz dazu sah Bernheim (1840-1919), der Vertreter der Schule von Nancy, das Phänomen der Hypnose als etwas Natürliches an, das auf dem Konzept der Suggestion beruhe. Der Streit der Schulen kulminierte in der weltanschaulichen Frage, ob es mittels hypnotischer Beeinflussung möglich sei, Menschen zu kriminellem Verhalten anzustiften. Die Schule von Nancy schloss dies, im Gegensatz zu Charcot, nicht vollkommen aus (Ellenberger 1973). Mit seinem Suggestionskonzept setzte sich schließlich Bernheim im weiteren Verlauf dieser Auseinandersetzung durch; mit seiner Hilfe wurde die Hypnosetherapie ein Teil der modernen Psychotherapie. In der Sowjetunion bestätigte Pawlow (1923), dass Hypnose und Suggestion vollkommen natürliche Lebensvorgänge seien, die auf dem Prinzip der neuralen Hemmung beruhen.

 

Sigmund Freud (1856-1939), der anfänglich auch mittels Hypnose therapierte, verwarf dieses Verfahren, weil er der Ansicht war, dass Hypnose nicht kausal, sondern nur symptombezogen wirke. Seine negative Einstellung hatte zur Folge, dass das Ansehen der Hypnose stark litt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts blieb die Hypnose weitgehend unbeachtet, weil die Psychoanalyse die Aufmerksamkeit und Forschungsarbeit auf sich lenkte. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg kam es vermehrt zum Einsatz hypnosuggestiver Therapieverfahren bei der Behandlung von Kriegsneurosen und -traumata. Johannes Schultz (1884-1970) entwickelte, aufbauend auf den Erfahrungen mit Kriegsneurotikern des Ersten Weltkrieges, ein Selbst-Suggestivverfahren, das unter dem Namen Autogenes Training schnell Verbreitung fand. Ernst Kretschmer (1888-1964) forschte parallel dazu in Tübingen. Später entwickelte Langen die Aktivhypnose, eine Übergangsform vom Autogenen Training zur Hypnose.

 

Die wissenschaftliche Erforschung der Hypnose mit präziseren Messinstrumenten begann aber erst in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Hilgard und Weitzenhoffer entwickelten die Stanfort Hypnotic Susceptibility Scale, eine Messskala, die den Grad der Hypnotisierbarkeit anzeigt, und lieferten hierdurch der Forschung ein wichtiges Hilfsmittel, das jedoch die subjektiven Aspekte der Hypnose nicht berücksichtigt.

 

In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erlebte die Entwicklung der Hypnose, verbunden mit dem Namen M. H. Erickson (1901-1980) einen neuen Höhepunkt. Der Arzt Erickson gilt als der Vertreter der indirekten hypnotischen Behandlungsmethoden. Im Gegensatz zu den eher autoritären Befehlssuggestionen, die die meisten seiner Vorgänger anwandten, gestaltete er seine Behandlungsmethoden mehr mit unterschwelligen, bewusst nicht wahrnehmbaren suggestiven Anregungen. Erickson gründete die amerikanische Gesellschaft für Hypnose und entwickelte eine Vielzahl unterschiedlicher Hypnosemethoden. Der Stand der gegenwärtigen Hypnoseforschung ist untrennbar mit dem Namen Erickson verbunden.